März 2011
Entschleunigung heißt die Devise
Seit einigen Wochen erhalte ich eine Flut von Trainingstipps zur Vorbereitung auf die 100 Kilometer von Biel. wie viele Kilometer pro Woche, wie viele lange Läufe, wann der Marathon zur Vorbereitung. Was mich aber umtreibt ist das Tempo. „Fünf Minuten ist zu schnell, du musst dir doch nichts mehr beweisen“, raunte mir ein Ultraläufer bei einer Veranstaltung ist Ohr.
Schnell – schneller - sprinten, das war in den vergangenen 30 Jahren mein Läufermotto: Dauerläufe auf Druck, Tempoeinheiten und Wettkämpfe. Noch heute laufe ich gerne schnell. Kaum stecke ich in den Laufschuhen, gilt mein Blick der Uhr. Erste Zwischenzeit bei der Wegkreuzung nach drei Kilometer – ach, nur zwei Minuten langsamer wie damals. Weiter, das geht noch, super! Knautschen, sprinten und dann Schluss. Schön ist das.
In diesem Winter war ich zu einem Besuch beim Lauftreff in Hannover: Es war dunkel und kalt; viele Läufer in Winteroutfit und Reflektierstreifen am Ärmel. Klar, ein Dauerlauf stand an. „Wie immer die Zehner-Runde“, sagte einer aus der Dunkelheit. Wir tippelten los, langsames Tempo. Dann rollte es, über zwei, drei Straßenkreuzungen. Bei jeder roten Ampel gab es die Gelegenheit zum Aufschließen. Nach der Hälfte machten drei, vier Mann Druck (immer dieselben!), die Gruppe zog mit, noch zwei Kilometer, es wurde noch schneller, alle bissen sich fest, ließen sich ziehen, sprinteten, schnauften und knautschten, dann waren wir da. Total außer Atem und kaputt, aber glücklich. Dauerlauf mit Endbeschleunigung nenne ich das. Verschwitzt, geläutert und (innerlich) gereinigt. Schön war das.
Laufen mit Endbeschleunigung ist jedes Mal eine Art Selbsterfahrung. Halte ich das Tempo durch? Kann ich vielleicht noch zulegen? Wie lange reichen die Konzentration, der Wille, die Kraft? Es ist ein Spiel – immer gilt es dabei die aktuelle Grenze auszuloten. Diese definiert sich immer neu und anders. Sie hängt von vielen Parametern ab: Stimmung, Trainingszustand, schlechter oder guter Tag. In der Vergangenheit war dieses Suchen und Ausloten der täglichen Grenze ausschließlich mit dem Tempo verbunden. Schnelles Laufen und Grenzerlebnisse waren für mich 30 Jahre lang eng miteinander verknüpft, waren eins.
Und jetzt also Biel. Wahrscheinlich hatte der Ultraläufer Recht. „Genieß doch einfach die Strecke“, meint er, „und überhaupt: Wenn du fünf Minuten im Schnitt läufst, bist du morgens um 6:20 Uhr im Ziel. Da ist doch kein Mensch wach. Nur ein paar müde Kampfrichter. Keine Stimmung, keine Gänsehaut beim Zieleinlauf, kein nichts. Du musst viel langsamer laufen. Wenn du 10:30 Stunden läufst, kommst du um 8:30 Uhr ins Ziel“, rechnete er mir vor, „da ist ganz Biel auf den Beinen. Dann ist Partystimmung, Halligalli, Sektempfang. Das willst du dir entgehen lassen?“
Irgendwie hatte mich der Mann überzeugt. Entschleunigung heißt die Devise. Mit dieser klaren Erkenntnis ging ich ans Werk. Kein Zucken mehr im Wald, keine Zwischenzeiten an Wegkreuzungen und keine Endbeschleunigung. Die Läuterung und Reinigung, die Grenzerfahrung sind die Strecke. Kaum traf ich ab jetzt andere Ultras, gab ich die neue Weisheit weiter. Doch dann, ein paar Tage später, meinte ein weiterer Finisher von Biel dazu: „Ja, der Kerl hat recht. Um 8:30 Uhr war bei meinem Zieleinlauf wirklich die Hölle los. Aber ich hatte überall Krämpfe, mir stand der Schaum vor dem Mund, von Laufen keine Spur. Auf allen vieren bin ich ins Ziel gerobbt. Ein jämmerlicher Anblick. Glaub mir, ich hätte viel dafür gegeben, wenn ich um 6:20 Uhr ins Ziel gekommen wäre. Dann hätte mich in diesem elenden Zustand wenigstens keiner gesehen.“ – Am nächsten Tag sprintete ich wieder durch den Wald.

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: