RW Kolumne Januar 2012
Wir sind nicht arm, wir Läufer
Bei einem RUNNER`S WORLD Trainingscamps an der Algarve in Portugal versammelten sich alle Teilnehmer zu einem Gruppenbild. Es war wunderbares Wetter, die Sonne lachte und Urs Weber sammelte von allen Teilnehmern die Fotoapparate ein, um für jeden sein privates Bild zu schießen. Unschwer können sie sich vorstellen, dass dies seine Zeit brauchte. So kam es zu einem großen Stau, denn wir standen auf der großen Eingangstreppe des Hotels. Andere Gäste konnten weder rein noch raus. Sie nahmen es mit Humor, es wurde viel gelacht. Am Ende, als auch das letzte Bild geschossen war, wollte ein Passant wissen, was unsere Reisegruppe denn vereine. Da sagte ich voller Stolz: „Wir sind alle Läufer!“ Leise antwortete der Mann:
„Ihr Armen.“
Aber nicht doch, ich sagte: Wir sind nicht arm, wir Läufer!
Markus Weiß-Latzko lief beim vergangenen Berlin Marathon unter 2:20 Stunden. Das bedeutete persönliche Bestleistung und zu diesem Zeitpunkt deutsche Jahresbestzeit. Die Euphorie, die sich schon während des Rennens einstellte und nach dem Zieleinlauf noch größer war, lies ihn seine tatsächliche Ermüdung kaum wahrnehmen. Nach der Siegerehrung, nach den Interviews und den üblichen Mühen der Erfolgreichen, wollte er zurück ins Hotel und stellte überrascht fest: „Mannomann, bin ich müde“. Langsam humpelnd, jeden Schritt mit Bedacht setzend, machte er sich auf den Weg zurück zum Hotel.
Kurz davor überholte ihn eine ältere Dame mit Rollator. „Was ist denn mit ihnen passiert? Haben sie sich verletzt?“ Immer noch voller Euphorie strahlte Markus Weiß-Latzko die Dame an und berichtete von seinem Marathonlauf. Von seinen 42 Kilometern, der Zeit und der großen Bedeutung: bester deutscher Läufer! „Wissen Sie, junger Mann, ich bin jetzt bin 86 Jahre und habe schon viel gesehen, aber wenn ich sie so betrachte, dann sollten sie das nicht mehr machen. Ansonsten werden sie bestimmt nicht so alt wie ich.“
Ich sage: Wir werden sogar sehr alt, wir Läufer!
Und jetzt war ich mit ihm laufen, mit Markus Weiß-Latzko. Ja, der Markus ist wirklich ein netter Kerl. Er hat angefragt, ob ich wohl mal mit ihm laufen möchte. Kaum waren wir unterwegs, kamen wir auf den Höhepunkt meiner diesjährigen Saison, die 100 Kilometer von Biel zu sprechen (das Finisher-Shirt hängt natürlich im goldenen Rahmen über meinem Schreitisch) Was ich mir dabei gedachte hätte, fragte er. „Wie gedacht“, fragte ich zurück. „Ab 70 Kilometer habe ich aufgehört zu denken“. Doch dann merkte ich, dass er gar nicht wissen wollte, was ich im Lauf selbst gedacht, sondern warum ich mir das angetan hatte. Jetzt auf einmal, Monate nach dem Einbruch in Biel, der Hausmannskost, kam Markus Weiß-Latzko daher und fragte nach dem Sinn des Unsinnigen. Und dachte immer er ist ein netter Kerl. Jetzt auf einmal! „Es fehlten die langen Läufe“, sagte er ernst.
Ich war geschockt. „Die langen Läufe?“ Hatte ich doch zigmal 30er und 50er gemacht. Sogar durch die Nacht war ich in der Vorbereitung gelaufen. Wenn das nicht ausreicht, dann weiß ich es nicht. „Nein, das reicht nicht. Für deine 5000-Meter-Wettkämpfe hattest Du doch bestimmt auch Dauerläufe dabei, die länger waren als fünf Kilometer waren“, doziert er weiter. „Bei jeder Vorbereitung sollte auch ein Überdistanzlauf dabei sein. Für Biel fehlte einfach der 120 Kilometer Dauerlauf….“. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Lustig, wirklich. Ausgerechnet dieser Markus Weiß-Latzko, der als bester deutscher Marathonläufer nachweislich nicht sehr alt werden kann, gab mir jetzt schon Trainingstipps.
Ich weiß es besser: Wir brauchen keine Überdistanzläufe, wir Ultras!

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: