RW Kolumne - Dezember 2011
Lieber einen Dauerlauf mehr
Bei einem meiner Aufenthalte in einem Trainingslager in Kenia bekam ich überraschend einen Laufpartner. Als ich an einer der vielen kleinen Hütten vorbeilief, löste sich plötzlich ein zwölfjähriger Junge aus einer Gruppe und lief mit mir mit. Meist laufen die Kinder lachend und feixend nur wenige Meter mit, doch dieser Junge begleitet mich den ganzen Dauerlauf - 14 Kilometer. Er trug eine zerrissene, kurze Hose und ein normales, für ihn zu großes Hemd mit Kragen - und er lief barfuß. Nie zuvor und nie wieder danach habe ich einen Menschen gesehen, der so schön lief. Weder Haile Gebreselassie noch David Rudisha oder Wilson Kipketer reichten an ihn heran.
Der Junge hatte den perfekten Laufstil. Es sah so locker aus, so leicht. Kaum berührte er den Boden, da hob sein Fuß wieder ab. Es war ein kurzes Tippten, so, als berühre er kaum den Boden. Ja, er schwebte, barfuß über dem roten Lehmboden Afrikas.
Kennen Sie Marc Meiling? Er gewann die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul im Judo, Schwergewicht. Wenn Marc Meiling lief, schwebte er nicht. Er war ein Berg voller Muskeln, durchtrainiert, kein Gramm Fett. Einmal bin ich mit ihm gelaufen, am Strand, barfuß. Marc Meiling lief sehr gut. Doch seine großen Füße pflügten sich geradezu durch den nassen Sand, er wuchtete seinen massigen Körper durch den nachgebenden Untergrund. Ich tippelte hingegen mit kurzem Schritt auf dem nassen Sand, meine Füße verschwanden nirgendwo hin, ich war zu leicht, um einzusacken. Ein Riese und ein Zwerg, barfuß laufend am Strand. Tippelnd der eine, wuchtend der andere. Nach 15 Minuten drehten wir um, nach 30 Minuten war Schluss. Geblieben sind mir zwei Blasen und, wie immer wenn ich barfuß laufe, Schmerzen am Sprunggelenk. Marc Meiling ging es sehr gut.
Neulich wurde ich nach einem Lauf im Ziel angesprochen. Ein Läufer hielt mir zwei Socken vor die Nase und fragte, ob ich sie einmal ausprobieren möchte. Ich schaute irritiert auf seine Füße, dann verstand ich. Er trug diese Art Socken selbst. Die in seiner Hand waren unbenutzt und es waren keine Socken. Sie erinnerten an die Zeit, also ich noch mit Jungschargruppen unterwegs war. Meine Mutter strickte mir damals sogenannte Hüttenschuhe. Es waren bunte Ringelsocken mit Kunstleder an der Sohle. Diese waren mit großen Fäden an der Ringelsocke festgenäht. Hüttenschuhe waren damals Kult. Je ringeliger, desto kultiger. Ja, so war das damals, und heute hielt mir ein Läufer doch tatsächlich so ein Paar Hüttenschuhe unter die Nase und bat mich, damit zu laufen. Ich würde schneller damit sein, sagte er. (noch schneller?). Leicht und locker würde ich laufen, versprach er, und dass ich schweben würde, wie die Läufer auf Afrika: zurück zur Ursprünglichkeit.
Mir fiel der Junge aus Nyahururu ein. Seine Ursprünglichkeit bestand darin, dass er sich keine Schuhe leisten konnte. Seit seiner Geburt kannte er nichts anderes, als barfuß zu gehen und zu laufen. Mir fiel Marc Meiling ein und ich dachte an meine Sprunggelenke. Damals war ich Profi, hatte Zeit mich zu pflegen. Ja, ich kräftigte damals jede Muskelgruppe, doch barfuß laufen, das konnte ich trotzdem nicht, wollte ich nicht eine Verletzung riskieren. Mein Körper ist für ursprüngliches Laufen wahrscheinlich schon zu degeneriert.
Heute also Hüttenschuhe, Fünf-Finger-Schuhe, und Freerunning. Das hört sich alles toll an und ist sicherlich als Therapie – 10 Minuten auf dem Rasen traben - für die Füße wunderbar, aber zum Dauerlaufen? Wir müssten die doppelte Zeit aufwenden, um gezielte Kraftübungen zu machen, damit wir das verletzungsfrei überstehen. Wer hat diese Zeit? Ich nicht. Und wenn, dann mache ich lieber mit vernünftigen Schuhen einen Dauerlauf mehr.

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: