RW Kolumne Oktober 2011
Bestzeiten? - Nein, es geht um den Kick!
Der Herbst ist für uns doch die schönste Jahreszeit. Es gibt unglaublich viele Wettkämpe, sodass die Wahl bisweilen schwierig ist. Marathon an jedem Wochenende, Halbmarathon in jedem Dorf. „Laufen sie noch Wettkämpfe?“, werde ich oft gefragt. „Klar“, ist meine lapidare Antwort. Bei mir ist das Prinzip der Leistungsverbesserung aber aufgehoben, denn meine Bestzeiten sind für mich mittlerweile unerreichbar. Wie bei vielen anderen Läufern auch, geht es mir beim Erlebnis einer Laufveranstaltung nicht nur um das Streben nach besten Zeiten. Vor allem ist es ein Gemeinschaftserlebnis. Nervosität, angestrengt sein, Bewegung, Freude und Enttäuschungen werden am Start, auf der Strecke und im Ziel in einer großen Schar Gleichgesinnter erlebt und diese Emotionen geteilt. Dieses soziale Miteinander ließ das Laufvolk wachsen. Doch jetzt kommen die ersten Meldungen: Die Teilnehmerzahlen bei Halbmarathon- und Marathonveranstaltungen gehen zurück, die Läufer sterben aus!
Das stimmt so natürlich nicht. Ein Beispiel dazu: Im August saß ich bei Bekannten im Garten. Sie wohnen am Stadtrande und unmittelbar an ihrem Grundstück verläuft ein schöner Weg hinein in den Wald. Jede halbe Minute lief jemand vorbei. Keuchend, schwitzend, grüßend und winkend. Es war ein ganz toller Abend im Garten meiner Bekannten. Hallo? Läufer sterben aus?
Ich darf meine Haus und Hof Studie in wenigen Worten zusammenfassen und behaupte einfach: Es laufen und bewegen sich heutzutage mehr Menschen als noch vor 10 Jahren.
Aber viele von ihnen nehmen nicht, oder nicht mehr, an Wettkämpfen teil. Sie laufen einfach.
Natürlich laufe ich auch ohne Wettkampfziel täglich, und natürlich genieße ich dieses Laufen. Ja, ich weiß schon vor dem ersten Schritt, dass es mir guttut. Egal, wie müde ich bin, wie schwer die Beine sind oder wie schlecht das Wetter ist – egal, wie groß die Überwindung ist, zum Laufen raus zu gehen – immer, wirklich immer stellt sich schon nach den ersten Laufschritten das Gefühl ein, das Richtige getan zu haben. Ich gehe also täglich zum Laufen, aber mit einem Wettkampf in Aussicht kommt für mich eine wichtige Komponente dazu: Das Laufen wird zur Vorbereitung. Es gibt dem Laufen eine andere Richtung. Es ist für mich ein wichtiger Anker in der täglichen Motivation. Dabei geht es mir nicht so sehr darum, mit gewissen Laufinhalten besser zu werden. Gut, zugegeben, darum geht es auch. Aber Achtung: Ich spreche von einer individuellen Verbesserung der aktuellen Jahresform! Nicht von der absoluten Verbesserung von Bestzeiten! Ja, es ist ein schönes Gefühl, den subjektiven Eindruck zu haben, fitter zu werden. Vorausgesetzt, wir definieren dieses „fit sein“ in Laufzeiten. Was nicht immer stimmig ist. Wir können auch mit anderen Sportarten fit werden. Und ein zweiter Punkt: das subjektive Gefühl, im Wald schnell zu sein, muss nicht immer mit den Leistungen bei einem Halbmarathon oder Marathon übereinstimmen. Oft stellen wir fest, ach je, es war gar nicht so schnell wie erwartet. (siehe den Ausgang meines Starts in Biel) Denn auch darum geht es bei einer Vorbereitung: die Auseinandersetzung mit körperlichem Können, das Dranbleiben, das Wagnis - und eben auch um den Umgang mit Enttäuschungen.
Der Ausgang zu Beginn einer Vorbereitung auf ein Laufereignis ist ungewiss.
Würde ich immer wissen, was ich laufen kann, wäre das Spiel langweilig - das macht das Wesen des Sports aus. Wir kennen den Ausgang nicht, und dies ist wichtig, gerade bei der Frage der Motivation. Deshalb, lieber Martin Grüning: Du warst schneller in Biel. Ich fordere zur Revanche, beim Nikolauslauf in Tübingen im Dezember.

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: