Februar 2011
Alles eine Frage der Vorstellungskraft
Einen Wettkampf entscheidet am Ende die Vorstellungskraft, also die Kunst besteht darin, sich sein Rennen in Bildern denken.
Wenn ich beispielsweise einen langen Lauf mache, um mich für die 100 Kilometer von Biel vorzubereiten, dann stelle ich mir vor, wie es in meinem Körper zugeht.
Während ich mit gleichmäßiger Atmung und dem immergleichen Rhythmus durch den Wald laufe, sehe ich vor meinem geistigen Auge viele kleine Männchen. Sie stehen in meiner Muskelzelle vor kleinen Brennöfen und schaufeln Fettklumpen in die Öfen. Sie schaufeln genau im Rhythmus meines Laufschrittes - Schaufel um Schaufel, Laufschritt um Laufschritt, Fettklumpen um Fettklumpen. Andere Männchen regulieren über ein Ventil den von mir eingeatmeten Sauerstoff. Wenn ich schneller liefe, würden die kleinen Männchen wie wild die Fettklumpen in den Ofen schaufeln, um mehr Hitze zu erzeugen, und sie würden die Ventile am Ofen aufreißen, um den letzten Rest Sauerstoff aus meiner Lunge in die Glut zu blasen. In meinem Körper würde es heiß und stickig werden und die Männchen würden im Nu schweißgebadet sein. Beim schnellen Laufen würde in meinem Innern große Hektik ausbrechen. Allein um meine innere Ruhe zu bewahren, laufe ich deshalb langsam.
Ja, für mich hat mit dieser Vorbereitung eine neue Zeitrechnung begonnen. Laufen, ohne an eine Zeit zu denken, ohne Beschleunigung und ohne schnellen Schritt. Und das Beste: Es funktioniert! Na ja, ganz ohne ist die Vorbereitung auf Biel natürlich nicht. Dabei spielt – ich erwähnte es bereits - die Vorstellungskraft eine große Rolle. Selten laufe ich wirklich lange. Meist bin ich nur eine Stunde unterwegs, und nach dieser Stunde bin ich so müde, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, noch weitere acht Stunden zu laufen.
Mir ist durchaus bewusst: Biel wird sauhart. Wobei, ich habe ja schon alles erlebt: Bei einem 84 Kilometer Landschaftslauf war ich am Schluss mit einem Hungerast total ausgebrannt. Da gab es für meine Männchen nix mehr zu schaufeln. Ja, liebe Freunde der Ultraszene, damit will ich sagen: ich bin kein Anfänger.
Übrigens, mein Fahrradbegleiter steht auch schon fest. Ich brauche schließlich jemand, der mir Tee reicht und mich mit einem guten Spruch zur richtigen Zeit aufmuntert. Und bei meinem letzten Anruf in der Redaktion von RUNNER’S WORLD wollte ich von Martin Grüning, meinem Biel Gegner, wissen, wer ihn auf dem Rad begleitet. „Ich nehme Flux mit“, sagte er. „Wen?“ „Na Flux, von der Band Oomph.“ „Was?“, entrutschte es mir. „Die Jungs mit Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein? Die brüllen doch nur.“ - „Flux läuft Marathon. 3:23 Stunden“, belehrte mich Grüning. „Ich verlass mich lieber auf meinen Vater“, antwortete ich. „Er hat mich auch beim Landschaftslauf auch begleitet.“ Grüning taute auf: „Flux hat mich mal auf ein Konzert eingeladen.“ „Und wie war es?“ „So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich musste deshalb früher gehen. Ich hatte das Ohropax vergessen.“
Vorstellungskraft, sage ich doch. Während meine kleinen Männchen in Biel Fettklumpen in den Ofen schaufeln, wird mein Vater auf dem Rad bestimmt das Lied „Sonnenuntergang die ganze Nacht“ anstimmen. Irgendwo in der Nacht der Nächte höre ich jemand „Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein“ brüllen. „Und es spielt die Balalaika“ singt mein Vater. Langsam öffnen meine kleinen Männchen die Ventile der Brennöfen, die Glut wird entfacht. „Hinter mir, vor mir“, brüllt jemand. „Dir gehört mein Herz die ganze Nacht“, in mir entsteht Unruhe, Hektik, ein Schrei: „Biel ich komme.“ War es Flux, Oomph, mein Vater oder Grüning?
Schweißgebadet wache ich auf. Ich muss unbedingt lange Läufe machen, sonst packe ich Biel nie.

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: