100 km Blog - 20.06.2011
Lieber Martin,
sorry, dass ich mich erst heute melden kann. Aber irgendwie habe ich Problem mit dem Sitzen. Nein, eigentlich nicht mit dem Sitzen, sondern mit dem Aufstehen…..
– der Lauf am Freitag, die 100 Kilometer in Biel, das war doch super. Ich meine, Deine Leistung natürlich!
Martin, von Herzen Glückwunsch! Sagenhaft. Das war ganz großer Sport.
Wir haben uns ja beim Rennen nicht so lange gesehen. Nach der zweiten P-Pause warst Du weg (bei Kilometer 15) und von da an nicht mehr gesehen. Berichte selbst – bin gespannt was Du so alles erlebt hast. Eine Frage dazu, Als ich so gegen 5:30 Uhr an einem Bauerhof vorbeikam, saßen zwei Jungs draußen, 10 oder 11 Jahre. Du musst so gegen 4:50 Uhr vorbeigekommen sein. Waren die da schon draußen? Ich hab sie gefragt, ob sie etwa wegen den paar Verrückten die ganze Nacht vor der Tür saßen? Bei dem Sauwetter? Klar haben die nein gesagt. Sie seien gerade erst aufgestanden, haben sie gesagt. Also waren die schon da oder nicht?
Wenn die bei Dir schon da waren, dann haben sie mich angelogen, so früh am Morgen….da müssen wir mit Schwester Claudia darüber reden.
Ja, Schwester Claudia…! Die Socken habe ich nicht mehr bekommen und selbstverständlich liebe Frau Grüning kläre ich die Fragen rund um die Strickerei. Oder Schwester Claudia wird sich direkt an sie wenden. Und selbstverständlich hat Ihr Sohn nach der sensationellen Leistung ein Paar Socken verdient. Allerdings ist die Abholung im Kloster. Nix frei Haus und so. Gott sei Dank hatte ich sie nicht an, die Socken, in Biel. Bei dem Regen. Sie wären völlig hinüber gewesen. Bis zur 50 Kilometer Marke hat es geschüttet, alles nass: Schuhe, Socken. Unseren zwei Mitlesern dieses Blogs muss ich nicht weiter erklären, was das bedeutet. Dir doch auch nicht, oder Martin? Wann ging bei Dir die erste Blase auf? Bei mir war das erst bei Kilometer 70. Ich war überrascht, denn klar habe ich vorher schon etwas gespürt, aber bei 70 – ja, da ist sie geplatzt, (linker Fuß, rechts neben der großen Zeh, oder war es rechts, links neben der großen Zeh – ach egal, Frau Grüning, sie wissen wo) Aber wenn bei Kilometer 70 so eine winzig kleine Blase platzt, ist es nicht weiter schlimm, denn ab 70 hatte ich ganz andere Probleme. Gestern habe ich mir den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen, was ich von den letzten 30 Kilometern mitbekommen habe. Von Biel, der Stimmung, dem Kult….? Ich muss sagen, nichts. Doch natürlich, die Schilder, die Kilometer Schilder! Alle fünf Kilometer – rot mit weißer Schrift. „Bieler Lauftage“ und „KM 75“, dann „KM 80“, dann „KM 85“ – da rief mir ein Staffelläufer zu: „Dieter, du Schwabenpfeil – nur noch 3 x 5 Kilometer – das schaffst du!“ Also ich muss sagen, der Schwabe stimmte, der Pfeil war natürlich übertrieben (war es noch laufen, oder ging ich schon) und das Spiel und dem Quervergleich zu fünf Kilometer – völlig unpassend. Die 5000 Meter aus meinem früheren Leben, hat nichts mehr damit zu tun, was ich heute läuferisch mache - auch und gerade Biel, hat nichts mit meinem früheren Läuferleben zu tun. Wir sind doch keine Athleten mehr, oder Martin? Ich bin Freizeitläufer. Laufen gibt mir viel fürs Leben und nichts mehr für eine Bestenliste. Laufen führt mich zu neuen Höhen und Wegen, aber nicht (mehr) auf eine Siegestreppe. Nicht alles gelingt so gut wie ein Olympiasieg. Müssen wir es deshalb alles von vornherein lassen? Was wäre das für eine Logig, für das Leben. Martin, wie Langweilig wäre die Welt. Leben bedeutet auch Mut zu haben. Mut und genügend Portion Verrücktheit in Biel zu schnell anzulaufen zum Beispiel. Ja bei Dir ging alles glatt. Weigel, der Marathon-Bundestrainer, wird sich bestimmt noch melden und Dich in den Kader aufnehmen – aber bei mir? Aber egal, ich möchte die letzten 30 Kilometer von Biel in meiner Erfahrungswelt nicht mehr missen. (gut, so viel weiß ich ohnehin nicht mehr) Bei Kilometer 85 legte ich einen neuen Laufrhythmus fest: 10 Minuten laufen – 2 Minuten Gehen – dreimal wollte ich diesen Rhythmus halten, dann wieder durchlaufen. Es ging gut. Ja, bei Kilometer 90 verkürzte ich auf 6 Minuten laufen – 2 Minuten Gehen. Das ging genauso schlecht. Zehn Kilometer lang! Ach – der Zieleinlauf. Noch nie bin ich so langsam auf die Zielgerade eingebogen. Achtzig Meter vor der Ziellinie blieb plötzlich der vor mir Laufende stehen (ca. 30 Meter vor mir) und hielt sich den Oberschenkel – er streckte sich wie ein angespannter Bogen- Krampf! – er schaute über die Schulter, sah mich kommen und humpelte ins Ziel. Bei aller Willenskraft, ich hätte dieses humpelnde Etwas nicht mehr bekommen. (Glückwunsch Jürgen Hofmann!) Das war mein Spurt, mein Finish. Ja, Martin, es war hart. Sauhart.
Am Samstag konnte ich mich nicht mehr rühren – für alle die einmal ein Tag im Bett verbringen wollen – ohne Krank zu sein, ohne schlechtes Gewissen – laufen sie in Biel – am Sonntag wurde ich dann zum Nordic Walker. Beim KKH Allianz Lauf in Berlin. Mit einem ehemaligen Handballspieler – Bandscheibenvorfall! – bin ich sechs Kilometer gegangen, mit Stöcken natürlich, denn ohne wäre das gar nicht möglich gewesen. Unser Nordic-Walking Coach machte gute Miene zum bösen Spiel. Am Ende empfahl er mir einen Kurs. Ich gab ihm die Stöcke zurück, dann lieber nochmals Biel.
Gruß, Dieter

Kommentare
noch am 5. Tag nach dem Zieleinlauf wirst Du, wie wohl die meisten von uns Finishern, ein Hochgefühl nach vollbrachter Tat haben. Du hast es natürlich viel schwerer als wir unbeachtetes Fußvolk,wenn Du unter den Augen der Lauföffentlichk eit Deine Leistung abliefern mußt. Und ich denke mir, daß es ebenso viele gibt, die Dich beglückwünschen , wie es auch viele geben wird, die sich die Hände gerieben hätten, wenn Du bei KM 55 den Abschied genommen hättest. Du bist eben ein Kämpfer und das gefällt mir an Dir. Übrigens kam mir während des Laufens die Idee, daß Du eine Begleitstunde mit Dir im Bieler Hunderter vermarkten könntest für sagen wir mal 150 Sfr oder auch mehr. Bei mir hätte es nicht geklappt, denn ich war mit 11:46:18 zu langsam für Dich.
Gruß
Ingo
Juergen
herzlichen Glückwunsch!
Ich hätte nie gedacht (vor allem nach deinem ersten Marathonexperim ent ;-), dass du jemals an einem 100km-Lauf teilnimmst und dabei so hoch respektabel finished - Chapeau!
Deine ehemalige Kollegin und meine Freundin hat vor Kurzem eine ebenfalls mehrstündige (8h), qualvolle Ausdauerleistun g (ohne die Option des Ausstiegs) vollbracht. So wie du jetzt dein Finisher-T-Shirt zu recht mit stolzer Brust tragen wirst, trägt sie seitdem mit voller Glück und Liebe den keine Matteo.
Erhol dich gut und meld dich mal.
Viele Grüße aus dem Schwäbischen
Markus
auch hier noch einmal meinen größten Respek.Ich hatte ja das unverschämte Glück dich direkt beim Start u als einer der ersten nach deiner Zielankunft zu begrüßen. Mensch war das ein Bild. Du warst sowas von platt, ABER IM ZIEL. Ich hatte Martin Grüning gefragt ob u wann du kommst. Er sagte mir ...er kommt, er wird die ein oder andere Pause machen,sich vielleicht mal setzen, ABER ER WIRD KOMMEN... Als ich dich dann kommen sah war ich echt happy, habe mich gefühlt wie ein kleiner Groupie
Also noch einmal ein dickes Kompliment u Gratulation euch beiden u allen Finishern.
ja, du hast am Samstag nicht wirklich gesund ausgesehen beim Gehen! Mußtest du dir aber auch einen Platz auf der Empore im Marriot Restaurant aussuchen... war doch klar: da mußt du wieder runter
was kommt jetzt???
ich hätte da eine Idee.In Südafrika gibts jedes Jahr einen Comrades..über ca 90km.
Dabei gehts durch eine Landschaft die heißt valley of thousand hills .....
ich bin 1993 gelaufen,in dem Jahr als dort Charlie Doll gewonnen hat.
Übrigens.Ich heiße Jörg und du hattest uns beim" run und help" der bruderhausdiako nie in Reutlingen unterstützt.
Erhol dich weiter gut
super dass Du gefinished hast !!! Auch wenn es nicht unter 9 Stunden war wie Du eigentlich vorhattest, das Finishershirt hast Du Dir verdient !!!
schacka! Gratulation zu deinem Super-Lauf!
Dass du gestern am Stock (nein, gleich zwei Stöcken) gegangen bist, zeigt uns, dass dich Biel wohl tatsächlich ein wenig mitgenommen hat...aber du hast es geschafft! Klasse!
Bis zum nächsten KKH-Allianz-Lauf
Dein Presseteam
kann nur sagen, den worten von martins mama gibts es nichts mehr anzufügen. sie trifft es exakt auf den punkt.
hut ab vor jedem der in biel zu ende gelaufen ist......egal in welcher zeit....und in welcher verfassung.
in diesem sinne, pain is temporary pride is forever!
Ich habe in der Runners World Ihre jeweilige Seite gelesen und so verfolgt, welchen Respekt Sie doch vor den 100 Kilometern in Biel hatten und wie der Stand der Vorbereitung so lief, und das als ein ehemaliger Weltklasseläufe r. Als nur Marathoni hat das immer wieder mein Interesse geweckt. Eine Verletzung ließ den Start 2011 nicht zu, aber 2012 ist Biel das Ziel. Welches ist Ihr nächstes Ziel?